Christof Arn & Sina Bardill15.03.2015, 15:00
Wer pampert hier wen? - Gute Entwicklung der Jugendlichen dank guter Selbstsorge der Erwachsenen.
Wenn man Michael Winterhoff Glauben schenkt, kommt mit unserer Jugend ein gröberes Problem auf uns zu: Immer mehr Jugendliche stehen „unerzogen“ an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie kennen keine Triebsteuerung. Sie sind gewohnt, nur das zu tun, worauf sie Lust haben. Sie haben nicht gelernt, Bedürfnisse aufzuschieben, sich gezielt anzupassen oder aus Einfühlung für andere Eigenes zurückzustecken. In Deutschland seien dies schon 50% der 15-Jährigen ist Winterhoffs krasse Diagnose im Migrosmagazin vom 26. Januar 2015, wo er auch gleich die Erklärung mitliefert: Schuld an der Misere seien nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die ihre Erziehungsaufgabe immer weniger wahrnähmen. Statt Kindern ein echtes Gegenüber zu sein, an dem sie sich reiben können, täten die Erwachsenen alles, um Anerkennung von ihren Kindern zu kriegen und geliebt zu werden. Die Machtverhältnisse hätten sich verkehrt.
Geschichten aus unserem alltäglichen Umfeld: Eine Lehrerin geht mit einer ihrer Schülerinnen nach der Schule nach Hause, um die Mutter persönlich über das unmögliche Verhalten des Kindes in der Schule zu informieren. Sie wird zum Mittagessen eingeladen, während des Essens spuckt das 10-jährige Mädchen ihr Essen auf den Esstisch. Die Mutter entschuldigt das Verhalten, dies sei nicht absichtlich geschehen. Die Lehrerin nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass das Kind sich zu Hause eher noch schlimmer benimmt als in der Schule – ohne Reaktion der Eltern. Oder das: Berufsberaterinnen berichten von reihenweise Jugendlichen (häufig männlichen) in der Beratung, die mit 18 oder 19 Jahren einfach zuhause hinter dem PC versauern. Niemand fordert einen Beitrag fürs gemeinsame Zusammenleben ein, einen Obolus für Kost und Logis – geschweige denn, dass gearbeitet wird. Da liegt es nahe, Schuld und schwarzen Peter den Eltern zuzuschieben (wie Winterhoff es zumindest mit der Verantwortung tut). Nur: Wieso sollten Eltern heute dümmer geworden sein als vor zwanzig Jahren?
Die SoziologInnen Beck und Beck-Gernsheim hatten in den 90'er-Jahren festgestellt, die Liebe nähme immer mehr den Status einer Religion ein. Die Bedeutung der Zweierbeziehung als letztem Refugium für Zugehörigkeit und menschlicher Wärme werde immer grösser. Denn die Menschen würden aus ihren sozialen Bezügen heraus gelöst, weil die Wirtschaft sie als mobilen, flexiblen Produktionsfaktor braucht; als Kleinteile in der unerbittlichen Maschinerie der Marktwirtschaft. Herkunftsfamilie und Nachbarschaft adé – es bleibt die Partnerin/der Partner, der mit einem umzieht, flexibel reagiert. Oder müssen wir sagen: «umzog», «flexibel reagierte» – früher vielleicht, nicht mehr unbedingt heute. Arbeitsbeziehungen vorübergehend, Nachbarschaft anonymisiert, Verwandte weit weg, Liebesbeziehung als Lebensabschnittspartnerschaft – was bleibt als sichere Bindung? Täuscht der Eindruck, die Kinder übernähmen in der Gegenwart mehr und mehr diese Aufgabe? So wäre dann die Eltern-Kind-Beziehung die einzig noch stabile und unverbrüchliche Bastion in einem Meer von Unsicherheit, was menschliche Einbettung betrifft. Ist es da nicht logisch, wenn die Erwachsenen ihre ganze Bedürftigkeit nach Bindung, nach Nähe, nach verlässlicher Beziehung auf die Beziehung zur ihren Kindern projizieren? Und in dieser Bedürftigkeit scheinen sie unfähig zu werden, Forderungen zu stellen und einen angemessenen Beitrag der Kinder ans Zusammenleben vorauszusetzen.
Ja, und dann kommt da der pseudopädagogische Ruf nach «Grenzen setzen» – ein Dauerbrenner der Elternberatung in den letzten Jahren. Verständlich zwar, aber falsch; weil pädagogisiert, weil moralistisch. Falsch ist: anderen Grenzen setzen. Richtig ist: die eigenen Grenzen abstecken: «Wer an diesem Tisch isst, räumt die Küche auf, falls nicht er es war, der gekocht hat.» «Wer hier die Wäsche dreckig abgibt und sauber zurückkriegt, aber selbst Geld verdient bzw. verdienen könnte, bezahlt dafür – falls er sich nicht dafür um den Garten kümmert». Damit stecke ich meine Grenzen ab gegen das Ausgenützt-Werden. Das ist unpädagogisch, weil nichts als fair – und darum die bessere Pädagogik. Genau so lernt man Zusammenleben. Hingegen lernt man Zusammenleben nicht, wenn einem moralische Vorschriften gemacht werden, wie man zu leben hat. Auf Fremdbestimmung reagiert man hoffentlich mit Widerstand! «Grenzen austesten» ist also die logische und richtige Folge auf «Grenzen setzen». Reagiert man darauf mit noch mehr Moralin und Reglerei, entsteht ein Teufelskreis. Die Ausfahrt heisst: «eigene Grenzen abstecken», Fairness einfordern. Aus Selbstsorge, aus Respekt vor sich selbst. Nebenwirkung: Kinder und Jugendliche werden gesellschaftsfähig und Eltern bleiben auch in Mehrfachbelastungen gesund.
Leider wird Schlaraffenlandbenehmen inzwischen z. B. auch von Fachhochschulen gefördert. Je mehr man Studierende als "Kunden" definiert, desto mehr werden die Professorinnen und Professoren zu Dienstleistern – genauer gesagt: zu Dienern. Die Studierenden wollen die Dinge vorgekaut kriegen – "Musterlösung" heisst das Stichwort. Wehe, man hätte für die Prüfung mehr machen müssen, als exakt definierten Stoff auswendig lernen (oder auf einen Spick schreiben): Rekurs! Dozierende an Fachhochschulen haben schon ein Wort dafür gefunden, was sie mit ihren "Kunden" inzwischen machen: "pampern". Es gab einst die Idee, eine Hochschule zu absolvieren hätte etwas mit Selbständigkeit zu tun. Selbständigen Studierenden ist es allerdings unangenehm, "gepampert" zu werden, weil mit Verschulung und Gängelung verbunden. Erwachsene Menschen oder solche, die das werden wollen, passen immer weniger an Hochschulen, während diejenigen immer besser dahin passen, die bloss möglichst kleine Anforderungen mit möglichst wenig Aufwand erfüllen wollen. Kundenfreundlichhkeit ist eben, wenn es die Kundin möglichst bequem hat, oder?
So nett und schonungsvoll das alles tönt – eine Erziehung, die keine Fairness einfordert, ein Bildungssystem, das Kunden pampert – das Ganze sagt unseren Jugendlichen etwas Katastrophales: Wir können ohne euch. Nicht gebraucht werden, obwohl man eigentlich strotzen könnte vor jugendlicher Kraft – das macht Gefühle von Sinnlosigkeit, hält klein und unstabil, schafft damit Problemherde, verschleudert Potenzial. Zwar werden diese Jugendlichen als kleine Könige behandelt, zugleich als Wickelkind, dem nichts zugemutet und nichts zugetraut wird und das deshalb kein Gefühl für seinen Wert in einer Gesellschaft entwickeln kann. Wenn wir unsere jungen Menschen lieben, dann sollen wir mit ihnen zusammen arbeiten, zusammenarbeiten.
Für uns, die Elterngeneration, heisst es auch: wir brauchen Verbundenheit und Wärme in unseren Beziehungen unter Erwachsenen, in Freundschaften, in der Liebesbeziehung. Das braucht Zeit und Engagement. Das darf nicht bis zur Unkenntlichkeit minimiert werden. Uns selbst und unsere (sozialen) Bedürfnisse wahrzunehmen, ist Voraussetzung dafür. Und auch ein gewisser Widerstand gegen das Hamsterrad, denn Arbeit allein wirft für ein sinnvolles Leben einfach zu wenig ab. Nicht Produktionsfaktor sein, sondern Mensch.
Literatur
Beck, Ulrich & Beck-Gernsheim, Elisabeth (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.